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Ritueller Missbrauch im Satanismus

von Uta Bange

In diesem Beitrag wird zunächst eine Definition des rituellen Missbrauchs gegeben und es werden Schilderungen von Frauen dargestellt, die von rituellen Missbrauchserfahrungen im Satanismus berichten. Anschließend werden Ideologie und Erscheinungsformen des Satanismus in Deutschland vorgestellt. Aufgrund einer deutlichen Diskrepanz zwischen den berichteten Erfahrungen und tatsächlich bekannten Vorkommnissen werden Überlegungen zur Entstehung der oft extrem gewalttätigen Schilderungen angestellt. Dabei wird die Diagnose der dissoziativen Identitätsstörung ebenso beleuchtet, wie Erkenntnisse aus der Gedächtnispsychologie zur Entstehung falscher Erinnerungen. Weiterhin werden Erklärungsansätze für das Auftreten ritueller Missbrauchsberichte vorgestellt. Der letzte Abschnitt beinhaltet Hinweise für den Umgang mit rituellem Missbrauch in Beratung und Therapie.

Ritueller Missbrauch: Definition und Erscheinungsformen

An den Sekten-Info Essen e.V. wenden sich regelmäßig Frauen, die berichten, in ihrer Kindheit von satanistischen Sekten rituell missbraucht worden zu sein. Nach Aussagen der Betroffenen besteht der rituelle Missbrauch zum Teil bis in die Gegenwart fort. Auch MitarbeiterInnen aus dem medizinischen oder psycho-sozialen Versorgungsbereich sowie von verschiedenen Behörden oder der Kriminalpolizei bitten uns um Einschätzungen zum rituellen Missbrauch.

Im Endbericht der Enquete-Kommission des 13. Deutschen Bundestages "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" (1998, S. 184) heißt es zur Definition des rituellen Missbrauchs:

"Unter werden Formen sexueller, physischer und psychischer Übergriffe auf Kinder und jüngere Jugendliche - nach der Literaturlage überwiegend weiblichen Geschlechts - verstanden, die mit wiederkehrenden Symboliken, gleichförmigen Handlungen und kultisch-rituellen Vollzügen einhergehen."

Die in der Regel von Frauen geschilderten Erlebnisse, wie sie im Sekten-Info Essen e.V. berichtet werden und auch in der Literatur beschrieben sind (z.B. Huber, 2004), ähneln einander:

Satanismus - Die Selbstvergottung des Menschen

Angesichts der Brutalität der berichteten Erlebnisse stellt sich die Frage, welche bekannten satanistischen Gruppierungen für diese Verbrechen in Frage kommen und auch welche polizeilichen Erkenntnisse darüber bestehen.

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es den Satanismus, als eine fest strukturierte weltanschauliche Organisation mit einer Zentrale, von der aus die Satanisten alle Fäden ziehen, nicht gibt. Der Theologe Ruppert (1998) schlägt daher vor, von einem Satanismus-Syndrom zu sprechen. Dieser Begriff macht deutlich, dass es sehr viele unterschiedliche Ausdrucksformen des Satanismus gibt. Dazu gehören Jugendliche, die sich um Mitternacht auf dem Friedhof treffen und in einer "schwarzen Messe" das "Vater unser" rückwärts beten, genauso wie Erwachsene, die sich in privaten Zirkeln treffen und "Sexualmagie" ausführen. Eine Schülerin trägt schwarze Kleidung, bezeichnet sich als Satanspriesterin und bekommt damit viel Aufmerksamkeit von MitschülerInnen und LehrerInnen. Über das Internet kann man Mitglied der "Church of Satan" werden und bekommt eine blutrote Mitgliedskarte zugeschickt. Manuela und Daniel Ruda ermordeten im Namen Satans auf brutale Weise einen gemeinsamen Bekannten.

Was verbindet diese sehr unterschiedlichen Erscheinungsformen des Satanismus? Als Begründer des modernen Satanismus wird der Engländer Aleister Crowley (1875-1947) angesehen. Bei ihm geht es nicht darum Satan, den Gegenspieler Gottes anzubeten, sondern vielmehr um die "Verherrlichung des Menschen - einschließlich der niederträchtigsten Seiten seines Wesens" (Ruppert, 1998, S. 7).

Crowleys wichtigster Leitsatz lautet: "Tu was du willst sei das ganze Gesetz".

In dem "Gesetz von Thelema" und dem "Liber al vel legis" (Buch des Gesetzes) legt Crowley dar, was damit gemeint ist (Crowley, 1999, S.10, S. 205).

"Es ist kein Gott außer dem Menschen. Der Mensch hat das Recht, nach seinem eigenen Gesetz zu leben, [...] zu arbeiten wie er will, [...] zu lieben, wie er will, [...] Der Mensch hat das Recht jene zu töten, die ihm diese Rechte zu nehmen suchen".

"Wir haben nichts gemein mit den Ausgestoßenen und den Untauglichen: sie sollen in ihrem Elend sterben. Denn sie fühlen nicht. Mitleid ist das Laster der Könige: tretet nieder die Unglücklichen & die Schwachen: dies ist das Gesetz der Starken: dies ist unser Gesetz und die Freude der Welt."

Mit Hilfe von Magie soll sich der Mensch von überkommenden Werten und Gesetzen befreien und zu einer neuen Bewusstseinsstufe gelangen. Es handelt sich um eine Diesseitsreligion, deren Ziel die totale Autonomie des Menschen ist (Pöhlmann, 2005).

Bei dem Amerikaner Anton Szandor LaVey (1930-1997), dem Gründer der "Church of Satan", ist Satan ein Synonym für die dunkle, tierische Seite des Menschen. Der Mensch wird akzeptiert wie er wirklich ist, vom Sexualtrieb und Selbsterhaltungstrieb gesteuert.
So heißt es in der Satanischen Bibel (LaVey, 1999, S. 29):

"Satan bedeutet Sinnesfreude anstatt Abstinenz! [...] Satan bedeutet Rache anstatt Hinhalten der anderen Wange! [...] Satan bedeutet, daß der Mensch lediglich ein Tier unter anderen Tieren ist, manchmal besser, häufig jedoch schlechter als die Vierbeiner, da er aufgrund seiner zum bösartigsten aller Tiere geworden ist!"

LaVey will mit seinem Satanismus gegen die Heuchelei und Unehrlichkeit von Kirche und Gesellschaft protestieren und alle gesellschaftlichen Zwänge sprengen.

Religionspsychologisch wird die Beschäftigung mit satanistischen Inhalten "als negative Symbolisierung einer Grundspannung menschlichen Lebens" verstanden, "nämlich die Spannung zwischen Gut und Böse, zwischen Leben und Tod, zwischen Liebe und Hass, zwischen Wachstum und Zerstörung" (Hemminger, 2003, S. 123). Die Ursachen, warum sich Jugendliche und Erwachsene dem Satanismus zuwenden, sind in der Lebensgeschichte der Einzelnen zu suchen. Gemeinsam ist ihnen, dass ein innerer oder sozialer Konflikt durch eine Absage an das Gute, an das Leben negativ gelöst wird (Ebenda).

Eine streng religiöse Sozialisation, Minderwertigkeitsgefühle, Ohnmachtgefühle, pubertäre Protesthaltung, Hang zu magischem Denken, Konflikte mit Eltern, Schule, Autoritäten können individuelle Voraussetzungen sein, Interesse am Satanismus zu entwickeln. Für Orientierungslose werden scheinbar einfache Lösungen geboten. Durch Magie könne Macht erreicht werden, Konflikte würden mit Hilfe magischer Rituale gelöst, der Sinn des Lebens bestehe in reiner Triebbefriedigung (Pöhlmann, 2005).

Jugendsatanismus

Im Sekten-Info-Essen e.V. am meisten angefragt ist der Jugendsatanismus. Jugendliche lesen die "Satanische Bibel" von LaVey oder das "Liber al vel legis" (Buch des Gesetzes) von Aleister Crowley und diskutieren mit anderen Interessierten in Internetforen und Chatrooms deren Inhalte. Manchmal treffen sich jugendliche Cliquen auf Friedhöfen oder anderen Plätzen, um "schwarze Messen" zu feiern. Problematischer wird die Beschäftigung mit dem Satanismus, wenn sie zu einem aggressiven Protest wird und sich in Vandalismus ausdrückt. Selten kommt es im Rahmen von Ritualen zu Tieropferungen oder Jugendliche zeigen selbstverletzendes Verhalten, ritzen sich z.B. die Hände auf, um das Blut über sich zu verschmieren.

Einen Extremfall im Jugendsatanismus bildet der Mord an dem 15jährigen Schüler Sandro Beyer in Sondershausen. Mit zwei Freunden zusammen erdrosselte der 17jährige Hendrik Möbus den zwei Jahre jüngeren Mitschüler. Die Täter wurden zu acht Jahren Jugendhaft verurteilt und kamen nach fünf Jahren auf Bewährung frei. Im Gefängnis gründete Möbus die Black-Metal-Band "Absurd". Nachdem er 1999 sein Opfer öffentlich als "lebensunwertes Leben" verhöhnte, kam es erneut zu einer Strafverfolgung. Auf seiner Flucht wurde Hendrik Möbus 1999 in den USA verhaftet, wo er Unterschlupf bei einem Neo-Nazi gefunden hatte. Im Mai 2003 wurde Möbus wegen Verunglimpfung Verstorbener sowie Nazi-Propaganda zu weiteren vier Jahren Haft verurteilt.

Logensatanismus

Neben dem Jugendsatanismus gibt es den so genannten Logensatanismus oder rituellen Satanismus. Hier sind es Erwachsene, die sich in strenger Geheimhaltung treffen, um schwarze Messen als Pervertierung des christlichen Ritus zu feiern oder zur Stärkung ihrer Macht Sexualmagie zu praktizieren.

Für Aufsehen sorgt immer wieder die "Thelema Society" in Bergen/Dumme, deren Gründer Michael D. Eschner sich für eine Reinkarnation von Aleister Crowley hält. Mit Hilfe von Ritualen und Ekeltrainings, z.B. Verzehr von Kot und Urin, sollen bewusst Grenzen überschritten werden, um so zu einer Bewusstseinserweiterung zu kommen. Letztlich soll dadurch die im Menschen angelegte Göttlichkeit zum Vorschein kommen.

Michael D. Eschner wurde 1992 durch das Gericht in Lüneburg zu sechs Jahren Haft wegen sexueller Nötigung mit Anal-Koitus, Vergewaltigung, Folter mit brennenden Zigaretten im Brust- und Genitalbereich verurteilt (Christiansen, 2004). Im Jahr 2002 kam es zu einer erneuten Verurteilung wegen sexueller Nötigung (Geldstrafe).

Krimineller Satanismus

Das in unserer Region bekannteste Beispiel ist der Satansmord von Witten. Manuela und Daniel Ruda töten im Auftrag Satans einen Bekannten mit 66 Messerstichen. In psychiatrischen Gutachten im Rahmen der Gerichtsverhandlung wurde bei beiden eine schwere Persönlichkeitsstörung diagnostiziert.

Ritueller Missbrauch: Polizeiliche Erkenntnisse

Es gibt keine polizeilich gesicherten Erkenntnisse darüber, dass es zu den am Anfang beschriebenen rituellen Missbrauchshandlungen im Satanismus kommt. Eine Sonderauswertung "Okkultismus/Satanismus" des Landeskriminalamtes NRW vom April 1995 stellte fest, dass durch polizeiliche Ermittlungsverfahren das Vorliegen bzw. die Tragweite der geschilderten Straftaten nicht belegt werden (Abschlussbericht Enquete-Kommission 1998). In vielen Fällen gingen die Ermittlungsbehörden allerdings Hinweisen nach. Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Wolfgang Bauch, berichtet von einem Fall, indem eine Schülerin angab, regelmäßig im Rahmen satanistischer Kulte sexuell missbraucht zu werden. Unter anderem berichtete die Geschädigte, immer wieder entführt zu werden. Nachdem die Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Polizei schon eine Zeit ins Leere liefen, entschieden die Ermittlungsbehörden, das Mädchen eine gewisse Zeit zu observieren. Nachdem sie wiederum berichtete, verschleppt worden zu sein, obwohl die Polizei nichts Verdächtiges feststellte, wurden die Ermittlungen eingestellt (Bauch, 1999).

Dass von den Gräueltaten nichts bekannt wurde, erklären die Berichtenden damit, dass Polizei und Staatsanwaltschaft selbst zu den Tätern zählen. Oder es wird betont, es handele sich um verschworene Gemeinschaften, die aus Angst vor Sanktionen durch die Gruppe oder aus Angst vor Strafverfolgung durch die Polizei völlig verschwiegen sei. Aus sozialpsychologischer Sicht ist dies unwahrscheinlich, da eine mitgliederreiche, extreme Gruppe umso instabiler ist und die Umwelt umso mehr von ihr erfährt, je größer der Druck im inneren ist und Angst und Schrecken dort vorherrschen (Hemminger, 2003). Die im satanistischen Kontext bekannt gewordenen Gewalttaten und Morde, die auch zu Urteilen führten, wurden von Einzeltätern, Paaren oder von maximal drei Personen wie in Sondershausen durchgeführt.

Von der "Multiplen Persönlichkeit" zur "Dissoziativen Identitätsstörung"

Wie kommt es aber dazu, dass sich immer wieder Frauen melden, die meinen, diese schrecklichen Dinge erlebt zu haben? Viele dieser Frauen bezeichnen sich selbst als "Multiple Persönlichkeiten". Der in der Literatur beschriebe Fall Sara K. (zugleich Maud) zeigt, wie sich diese Störung ausdrückt (Fiedler, 2001, S. 180f):

"Maud hatte einen schwungvollen, hüpfenden Gang im Gegensatz zu Saras ruhigem Gang. Sara war depressiv, Maud war aufgedreht und glücklich, selbst wenn über Selbstmord gesprochen wurde. Selbstmord und Tod hatten für Maud keinerlei Bedeutung.
Sara blieb den ganzen Tag in ihrem Zimmer und sprach gewöhnlich mit niemandem, wohingegen sich Maud für den Pfleger, das Personal und die Mitpatienten interessierte. Maud kleidete sich auch anders. Die Patientin hatte zwei Paar Schuhe. Eines war ein abgetragenes Paar einfacher grauer Schlappen, das andere knallfarben gestreift mit hohen Absätzen. Sara trug immer Schlappen.
Maud benutzte gern ein auffälliges Make-up, Sara benutzte nie ein Make-up. Saras IQ lag bei 128, Mauds IQ war 43. Sara rauchte nicht, Maud rauchte leidenschaftlich."

Im Anschluss an traumatische Erlebnisse berichten Menschen häufig über eine innere Spaltung, die sie währenddessen erlebt haben. Ein Anteil der eigenen Person erlebt Schmerzen und Leid, und ein zweiter Anteil schaut nebenstehend oder von oben herab dem traumatischen Geschehen zu. Der letztgenannte Anteil erlebt als Beobachter zumeist keine Schmerzen oder Angst (Fiedler, 2001). Bei wiederholtem sexuellem Missbrauch in der Kindheit können sich auf diese Weise verschiedene Identitäten herausbilden, die unterschiedliche Rollen einnehmen. So gibt es z.B. die Leid tragende Opferrolle, eine lebenslustige kindliche Rolle, die dem Vergessen und Erholen dient, und einen vernunftgeleiteten Beobachter, der sachliche, alltägliche Entscheidungen trifft (Ebenda, 2001). Dieser Prozess kann als eine hochfunktionale Form des Überlebens im Trauma gesehen werden.

Da es sich nicht um verschiedene Persönlichkeiten handelt, sondern lediglich um wechselnde Rollenmuster oder Persönlichkeitseigenarten, wird der Begriff "Multiple Persönlichkeitsstörung" inzwischen in der Fachwelt nicht mehr benutzt. Die passendere Bezeichnung ist vielmehr "dissoziative Identitätsstörung". Die Entwicklung der dissoziativen Identitätsstörung beginnt häufig bereits während des ersten traumatischen Erlebnisses und entwickelt sich später vor allem durch eine Namensgebung fort, wodurch die einzelnen Rollenmuster zunehmend eigenständige Funktionen übernehmen (Ebenda, 2001).

Die diagnostischen Kriterien der dissoziativen Identitätsstörung sind gemäß DSM-IV-TR (2003, S. 586f):

  1. Die Anwesenheit von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszuständen (jeweils mit einem eigenen, relativ überdauernden Muster der Wahrnehmung von, der Beziehung zur und dem Denken über die Umgebung und das Selbst).
  2. Mindestens zwei dieser Identitäten oder Persönlichkeitszustände übernehmen wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der Person.

  3. Eine Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern, die zu umfassend ist, um durch gewöhnliche Vergesslichkeit erklärt zu werden.

  4. Die Störung geht nicht auf direkte körperliche Wirkung einer Substanz (z.B. Blackouts oder ungeordnetes Verhalten während einer Alkoholintoxikation) oder eines medizinischen Krankheitsfaktors zurück (z.B. komplex-partielle Anfälle).

Inzwischen wird diese nach wie vor umstrittene Diagnose von den meisten Fachleuten nicht mehr generell in Frage gestellt, allerdings gibt es weiterhin Zweifel an der Häufigkeit des Auftretens. Auch die Möglichkeit einer iatrogenen, d.h. durch Therapeuten erzeugte, Entstehung der Störung wird diskutiert. Dazu schreibt der bekannte Gedächtnisforscher Schacter (zit. bei Fiedler, 2001, S. 95f):

"Als Gedächtnisforscher hätte ich größte Bedenken, einen Patienten zu untersuchen, dessen Persönlichkeiten erstmals in der Therapie zutage getreten sind, vor allem wenn Suggestionstechniken wie die Hypnose verwendet wurden. Allerdings ist unwahrscheinlich, dass alle Fälle von dissoziierter Identität auf diese Weise zustande kommen [...] Wenn jedoch Therapeuten die Häufigkeit der multiplen Persönlichkeitsstörung überschätzen, werden sie unwissentlich geneigt sein, während der Therapie dissoziierte Identitäten zu suggerieren - eine Tragödie für Patienten und Therapeuten [... dies insbesondere dann, wenn mit dem Störungsbild unreflektiert die Hypothese eines sexuellen Missbrauchs verknüpft wird]."

Auch der Psychiater Tölle lehnt die Diagnose der dissoziativen Identitätsstörung nicht grundsätzlich ab. Er gibt aber zu bedenken, dass sich nicht hinreichend ausgebildete Therapeuten oftmals zu stark von den Rollenwechseln der Patienten, die er mit den Rollen eines Schauspielers vergleicht, beeinflussen lassen. Dies führe dann zu einer Intensivierung des Verhaltens durch den Patienten. Er schließt seine Ausführungen mit der kritischen Anmerkung, dass es das Phänomen der dissoziativen Identitätsstörung wohl gibt, dramatische Zuspitzungen aber eher künstlich erzeugt sind (Tölle, 1997).

Die Tücken der Erinnerung und des Gedächtnisses

Lebensgeschichtlich sehr frühe traumatische Erfahrungen und/oder extreme und immer wiederkehrende traumatische Erlebnisse führen zu einem Unvermögen, sich an ein verursachendes Trauma zu erinnern. Hierfür sind neurobiologische Prozesse im Gehirn verantwortlich. Diese führen dazu, dass über extreme Stresserfahrungen keine präzisen Erinnerungen bestehen. Unser Gedächtnis ist aufgeteilt in ein explizites und ein implizites Gedächtnis. Das explizite Gedächtnis wird auch autobiographisches Gedächtnis genannt. Es besteht die Möglichkeit, die dort abgespeicherten Erinnerungen zu erzählen. Anders verhält es sich mit dem impliziten Gedächtnis. Die dort gespeicherten Inhalte umfassen Handlungsroutinen, also unbewusst ablaufende Gewohnheiten, die nicht unmittelbar der Kontrolle unterliegen. Dazu gehören auch dissoziierte Gedächtnisinhalte, z.B. Bilder, Eindrücke, Gerüche oder Geräusche. Diese können in Form von plötzlich überflutenden Erinnerungen, so genannten "Flashbacks", Einfluss auf das Erleben haben. Bei Dauerstress wird die Fähigkeit beeinträchtigt, Informationen im Langzeitgedächtnis zu speichern. Es kann sogar zu irreversiblen Veränderungen und Schädigungen im Gehirn kommen.

Erinnern sich die betroffenen Personen doch, handelt es sich bei ihren Schilderungen nicht zwingend um wahrheitsgemäße Schilderungen. In traumatischen Situationen kann es zu Pseudohalluzinationen kommen. In einer Hirnregion, dem Temporallappen, kann sich unter extremen Stressfaktoren eine bizarre, fantasievolle und halluzinatorische Bilderwelt entwickeln, die sich um Themen wie Dämonie, Religion und Sexualität ranken kann (Fiedler, 2001). In Flashbacks kommt es zu Erinnerungen, die sich so lebendig anfühlen, als befände man sich in der ursprünglichen traumatischen Situation. Allerdings ist es wissenschaftlich gesichert, dass sich reale Erinnerungen mit anderen Elementen vermischen können. So kann es z.B. zu Worst-Fear-Visionen kommen, die die schlimmsten Ängste zum Leben erwachen lassen. Ein Beispiel für eine Worst-Fear-Vision beschreibt Fiedler (Ebenda, S. 189):

"Anne begab sich in Therapie, weil sie bei der Gewöhnung an ihr neugeborenes Kind emotionale Probleme hatte. Als sie ihren Mann eines Morgens wie ein Kind ansprach, gelangte Annes Therapeut zu der Überzeugung, sie beherberge . Er machte sich daraufhin mit der Patientin auf die Suche nach ihnen. Zudem war der Therapeut wie viele andere auch der Überzeugung, in praktisch jedem Fall von habe man es mit einem Opfer sexuellen Missbrauchs zu tun.
Zunächst bestritt Anne derartige Erlebnisse. Doch im Laufe der Therapie, in der wesentlich mit Methoden der Traumanalyse, Hypnose, Deutung gearbeitet wurde, kamen immer schrecklichere Seiten ihrer Person zum Vorschein. Eine dieser Konfigurationen beherbergte offensichtlich all die furchtbaren Erinnerungen an Jahre sexuellen Missbrauchs durch eine Satanssekte. Sie gelangte zu der Vision, dass sie eine Hohepriesterin des Kultes gewesen sei und entsetzliche Taten begangen habe. Unter anderem gab sie an, Kinderopfer vollzogen und ihre eigenen Föten gegessen zu haben. Die Schilderungen wuchsen sich immer gräulicher zu einer gigantischen Verschwörung aus, sodass sich - als der Fall veröffentlicht wurde - das FBI einschaltete. Nichts wurde entdeckt, was die von vornherein unglaubliche Geschichte auch nur ansatzweise erhärtet hätte. Zu guter letzt sagte sich Anne von ihren Erinnerungen und los und reichte eine Klage gegen den Psychiater ein, der sie behandelt hatte."

Die Entstehung falscher Erinnerungen in der Therapie

Da sich viele Betroffene eines Missbrauchs in der Kindheit nicht an Details erinnern, versuchen einige von ihnen durch eine Psychotherapie an mehr Wissen zu kommen. Vor allem in Zusammenhang mit Hypnose, Trance, Traumdeutung, gelenkter Imagination und gefühlsassoziierter Deutung kann es allerdings auch zu falschen Erinnerungen kommen. Auch Gruppentherapien mit dem Risiko "sozialer Ansteckung" stehen in Gefahr, diesen Prozess zu fördern.

In vielen Experimenten zeigte die amerikanische Gedächtnisforscherin Elisabeth Loftus, wie leicht es ist, jemandem falsche Erinnerungen zu implantieren. So wurde Versuchspersonen suggeriert, sie seien im Alter von fünf Jahren in einem großen Kaufhaus verloren gegangen. Nach dieser Intervention waren etwa ein Viertel der Versuchspersonen davon überzeugt, dass das Ereignis tatsächlich stattgefunden hat (Loftus, 1998, S.65).

Auch im folgenden Beispiel geht es um die Entstehung falscher Erinnerungen in der Therapie:

"Die Patientin (Diana) äußerte in der Behandlung die Vermutung, dass ihr in der Kindheit durch ihren Vater vielleicht Unrecht und Leid zugefügt worden sei, obwohl sie sich nicht konkret an Vorfälle erinnern konnte. Da sie sich nicht erinnerte, schlug ihr der Therapeut vor, es mit Schreiben unter Hypnose zu versuchen. Als sie nach einigen Übungen die Augen öffnete, wartete ein Schock auf sie: "

Nachdem nun anscheinend eine Tür zu ihrem Unbewussten aufgestoßen war, setzte Diana diese Praxis fort. Gleichzeitig schloss sie sich einer wöchentlich tagenden Selbsthilfegruppe an, die auf Initiative des Therapeuten gegründet worden war und in der sich Frauen mit ihren aufgedeckten traumatischen Erinnerungen auseinander setzten. Die Atmosphäre der Gruppe wird als außerordentlich aufgeheizt beschrieben, denn die Frauen erörterten und agierten ihre Erinnerungen und Träume von entsetzlichen Ereignissen aus, die ihnen allesamt in der Therapie mit besagten Therapeuten wieder eingefallen waren. Diana bericht: Es dauerte nicht lange, und ähnlich entsetzliche Ereignisse traten auch in Dianas therapiegeleiteten hypnotischen Aufzeichnungen zutage: " (Schacter 1996/97, zit. bei Fiedler, 2001, S. 112)

Entführungen durch Außerirdische: Die Entstehung falscher Erinnerungen

Der Soziologe Michael Schetsche zeigt am Beispiel von Berichten über Entführungen durch Außerirdische, wie es zu solchen falschen Erinnerungen kommen kann und spricht in diesem Zusammenhang von einem Phantom-Phänomen. Die Entdeckung des Opferstatus beginnt häufig mit unspezifischen Symptomen wie Angst im Dunkeln, Alpträumen oder dem Gefühl von Zeitverlust. In den Medien werden diese Menschen auf das Entführungsthema aufmerksam. Sie besorgen sich Sachbücher oder eine Autobiographie zu diesem Thema. Es entsteht der Verdacht, selbst betroffen von Entführungen zu sein. In einer Informationsveranstaltung wird empfohlen, sich an einen mit dem Phänomen vertrauten Therapeuten zu wenden, um Gewissheit zu erlangen. Unter einer Regressionshypnose wird der Verdacht zur Gewissheit. Im Therapieprozess stellen sich mehr und mehr Bilder ein, die sich zu einem Entführungsszenario zusammensetzten lassen. Nach und nach entsteht das subjektive Wissen, von Außerirdischen entführt worden zu sein. Die Bilder und Szenen entstammen der Literatur und Fernsehsendungen zu diesem Thema. In einer Selbsthilfegruppe werden Erinnerungen ausgetauscht. Schetsche spricht von einem

"zyklischen Prozess zwischen Opferwerdung und öffentlicher Thematisierung: Je mehr Menschen sich öffentlich zu ihrem Opferstatus bekennen, sich in Selbsthilfe- oder Aufklärungsgruppen organisieren, desto größer wird das Interesse der Medien am Phänomen. Und je intensiver die Medien über das Thema berichten, desto mehr Menschen werden mit dem Phänomen konfrontiert und können den Verdacht entwickeln, zur Gruppe der Betroffenen zu gehören" (Schetsche, 2003, S.22).

Wenn in der Rückführung aber detaillierte und konsistente Erinnerungen iatrogen entstehen können, warum soll das nicht auch mit rituellem Missbrauch möglich sein (Schetsche, 2002). Psychologen der Harvard-Universität stellten fest, dass Personen, die sich für Opfer von Entführungen durch Außerirdische halten, beim Erinnern an diese angenommenen Entführungen deutliche Stressreaktionen zeigten, die mit Reaktionen auf traumatische Erfahrungen vergleichbar sind, die real geschehen sind. Sie folgerten daraus, dass eingebildete Erinnerungen ebenso Stress hervorrufen können wie Erinnerungen an tatsächliche Begebenheiten (McNally, 2004).

Fazit

Für die Existenz großer, international vernetzter, satanistischer Sekten, in denen gefoltert und gemordet wird, gibt es bisher keinerlei Anhaltspunkte. Es gibt auch nicht den Satanismus, sondern viele verschiedene Erscheinungsformen, denen vor allem die Selbstvergottung des Menschen gemein ist. Vor allem sind es Jugendliche, die aus Neugier, Protest oder Erhöhung des Selbstwertgefühls die Bücher von Crowley oder LaVey lesen, Rituale durchführen und mit Hilfe von Magie versuchen, Stärke und Macht zu gewinnen. In Einzelfällen kommt es dabei auch zu kriminellen Handlungen. Die Morde von Sondershausen, Witten und die Verurteilung von Michael D. Eschner wegen Missbrauchs und Vergewaltigung zeigen, dass es im Satanismus zu Verbrechen kommen kann. Allerdings wurden diese auch vor Gericht gebracht und geahndet.

Natürlich ist es nicht auszuschließen, dass es im Satanismus zu Fällen rituellen Missbrauchs kommt. Jedes Jahr werden in Deutschland 20.000 Fälle sexuellen Missbrauchs bei der Polizei registriert und die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher. Auch in den Kirchen gibt es inzwischen eine Reihe dokumentierter Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester. Die satanistische Ideologie legitimiert Gewalt als Unterwerfungsakt und glorifiziert sexuelle Gewalt als Teil des sexualmagischen Ritus, der Macht verleiht (Busch, 2004).

Wenn eine Klientin in der Beratung von rituellem Missbrauch im Satanismus berichtet, lässt sich die Glaubwürdigkeit aber nicht allein durch ein emotionales Betroffensein festmachen. Berichtet eine Betroffene z.B. von sexuellen Grenzüberschreitungen unter massivem Alkoholkonsum, benennt den genauen Namen der Gruppe sowie konkrete Vorkommnisse, die mit der satanistischen Ideologie übereinstimmen, so sind die Geschehnisse nachvollziehbar und durchaus denkbar. Wenn aber von einer anonymen satanistischen Sekte gesprochen wird, von Satanspriestern und "Kapuzenmännern", von Folterungen und Menschenopferungen oder von "Programmierungen", die bis in die Gegenwart reichen, so sind deutlich Zweifel angebracht.

Allerdings heißt das nicht, dass die Klientin keine schrecklichen Dinge in ihrer Kindheit erlebt hat. Gerade in Zusammenhang mit dissoziativen Störungen, wie der Dissoziativen Identitätsstörung, ist von traumatischen Erfahrungen in der Kindheit auszugehen. Hierbei muss es sich nicht zwingend um wiederholten sexuellen Missbrauch handeln, auch chronischer emotionaler Missbrauch oder wiederholt erfahrene oder beobachtete Gewaltanwendung können die Störung verursachen (Fiedler, 2001). Langanhaltende Traumatisierungen führen zu Dissoziationen, die eine exakte Erinnerung an die Geschehnisse sehr erschweren. Meistens bleiben nur Fragmente erhalten. Wird nun in der Therapie versucht, mit Hilfe von regressionsfördernden Methoden wie Hypnose oder Traumdeutung die Geschehnisse zu rekonstruieren, so ist die Gefahr der Konstruktion falscher Erinnerungen sehr groß. Es ist nicht möglich zwischen echten und falschen Erinnerungen zu unterscheiden.

Warum berichten die Betroffenen aber gerade von rituellem Missbrauch im Satanismus?

Der Satanismus ist in der Öffentlichkeit ein Synonym für das Böse. Was bringt nach schweren Traumatisierungen besser den Schrecken zum Ausdruck als die Vorstellung von Satanisten, die Babys opfern und andere schreckliche Dinge tun? Der Satanismus macht das Unfassbare erklärbar. Die Schilderungen mit satanistischen Inhalten können auch als Hilfeschrei verstanden werden bzw. als Wunsch nach Aufmerksamkeit. Durch die unglaublichen Satanismusgeschichten werden LehrerInnen, FreundInnen oder auch Fremde im Internet aufmerksam auf das Leid der Betroffenen und bieten ihre Hilfe an.

Auch Nachahmungseffekte spielen eine große Rolle. Die Medien sind daran nicht unbeteiligt. In Deutschland waren es z.B. die Veröffentlichung des Betroffenenberichtes "Vater unser in der Hölle - Tatsachenbericht" von Ulla Fröhling (Fröhling, 1996) und das Buch von Michaela Huber "Multiple Persönlichkeiten - Überlebende extremer Gewalt" (Huber, 1995), die das Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machten. In den letzten Jahren waren es dann vor allem die Dokumentarfilme "Höllenleben - Eine multiple Persönlichkeit auf Spurensuche" (2001) und "Höllenleben - Der Kampf der Opfer" (2003), die über dieses Thema informierten. Jeder veröffentlichte Erfahrungsbericht führt zu weiteren Berichten.

Zum Umgang mit rituellem Missbrauch in Beratung und Therapie

Literatur:

Abschlussbericht der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" (1998). Neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen in der Bundesrepublik Deutschland. Hrsg.: Dt. Bundestag, Referat Öffentlichkeitsarbeit. Bonn.

American Psychiatric Association (2003). Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen (4. Auflage) - Textrevision. Göttingen: Hogrefe.

Bauch, W. (1999). Satanismus und Polizei. Probleme der Ermittlungsarbeit. In: Berliner Dialog 17, 2-1999.

Busch, H. (2004). Sexualisierte Gewalt in religiösen Kontexten. Materialdienst der EZW 7/2004

Christiansen, I. (2004). Satanismus. In: Behörde für Inneres - Arbeitsgruppe Scientology (Hrsg.), Brennpunkt Esoterik. Okkultismus, Satanismus, Rechtsradikalismus.

Crowley, A. (1999). Liber al vel legis. Das Buch des Gesetzes. Bergen/Dumme: Kersken-Canbaz-Velag.

Fiedler, P. (2001). Dissoziative Störungen und Konversion. Trauma und Traumabehandlung. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Fröhling, U. (1996). Vater unser in der Hölle. Ein Tatsachenbericht. Seelze-Velber: Kallmeyer`sche Verlagsbuchhandlung.

Hemminger, H. (2003). Satanistische Motive. Erscheinungsformen und Deutungsperspektiven. Materialdienst der EZW 4/2003

Huber, M. (2004). Multiple Persönlichkeiten. Überlebende extremer Gewalt (9. Auflage). Frankfurt/M.: Fischer TB.

LaVey, A.S. (1999). Die satanische Bibel (2. Auflage). Berlin: Second Sight Books.

Loftus, E.F. (1998). Falsche Erinnerungen. In: Spektrum der Wissenschaft. Januar 1998 (S. 62-67).

McNally,R. et al. (2004). Psychological Science 15(7), S. 503.

Pöhlmann, M. (2005). Neuheiden, Hexen, Satanisten. In: R. Hempelmann u.a. (Hrsg.), Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts (S. 280-285). Berlin: Gütersloher Verlagshaus.

Ruppert, H.-J. (1998). Satanismus. Zwischen Religion und Kriminalität. In: EZW-Texte 140. Berlin.

Schetsche, M. (2002). Trauma im gesellschaftlichen Diskurs. Deutungsmuster, Akteure, Öffentlichkeiten. Eröffnungsvortrag, 4. Kinderschutzforum, 25.-27.9.2002 in Düsseldorf.

Schetsche, M. (2003). "Entführungen durch Außerirdische" - ein integratives Modell zur Erklärung eines Phantom-Phänomens". http://www.igpp.de/german/eks/integratives_modell_abduktion.pdf

Tölle, R. (1997). Persönlichkeitsvervielfältigung? Die sogenannte multiple Persönlichkeit oder dissoziative Identitätsstörung. In: Deutsches Ärzteblatt 94, Heft 27, 4. Juli 1997.

 

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