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Zum Thema Esoterik in der Beratungsarbeit

von Katharina Reiss

Auch im Jahr 1998 verzeichnete der Sekten-Info Essen e.V. einen vergleichsweise hohen Anteil an Anfragen und Beratungen zum Thema Esoterik. In diesem Bereich ist ein Markt entstanden, der immer unüberschaubarer wird, sowohl in bezug auf die Anbieter als auch die Methodenvielfalt. Der Verbraucher kann so leicht den Überblick verlieren und verlässt sich daher vielfach auf Empfehlungen. Nun sind solche Empfehlungen immer subjektiv. Und da sie meist von Bekannten, Freunden oder Verwandten kommen, neigt man erfahrungsgemäß eher dazu, die Angebote weniger kritisch zu betrachten.

Der als “Verbraucher” bezeichnete, an der Esoterik Interessierte muß allerdings nicht unbedingt ein Mensch sein, der sich viel und ausgiebig mit dem Thema beschäftigt: Wer ab und zu sein Horoskop liest, Tarotkarten legt oder sich an Edelsteinen erfreut, ist in keiner Weise gefährdet und nimmt in der Regel auch keine Beratung im Sekten-Info Essen e.V. in Anspruch. Wenn im folgenden die Rede von “Esoterik-Anhängern” oder “Esoterikern” ist, so sind damit Menschen gemeint, die sich gedanklich und/oder praktisch stark mit esoterischen Theorien befassen und entsprechende Techniken regelmäßig ausüben. Klaus Horn beschreibt eine solche intensive Beschäftigung mit dem Thema Esoterik sehr treffend als eine “Suche nach dem Fehlenden” (1).

 

Die verschiedenen Bereiche innerhalb der Esoterik

Diese Suche kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden, die Vielfalt der Esoterikangebote wird hier daher in sechs Bereiche aufgeteilt. Am häufigsten sind Anfragen und Beratungen zu verschiedenen Heilungs- bzw. Heilsangeboten sowie zum Bereich der Lebensberatung. Da hier auch die größten Gefahren liegen, wird auf diese näher eingegangen.

  1. Heilung von physischen und psychischen Krankheiten

Die wohl bekanntesten esoterischen Heilmethoden sind Reiki und Bachblüten. Reiki, die “universale Lebensenergie”, gelangt angeblich durch einen auf dem Kopf des Menschen befindlichen Energiekanal (das Kronchakra) in seinen Körper bzw. in die Hände. “Es bedarf lediglich der Einweihungen und der Kraftübertragung während eines Seminars durch einen dazu ermächtigten Reiki-Meister. Es ist leicht von jedem zu ‚erlernen‘, auch von Kindern, spezielles Wissen ist nicht erforderlich” (2). Durch Reiki sollen u.a. Schleudertraumen, chronische Verstopfung, Zahnschmerzen, Angstpsychosen, Grippe und depressive Zustände geheilt werden können (3). Aber auch die Bachblüten scheinen eine geradezu unglaubliche Wirksamkeit zu entfalten: “Große Erfolge erzielt man ebenfalls bei Depressiven, Suizidalen, Ängsten aller Art, Erschöpfungszuständen ...” (4).

Solche oder ähnliche Versprechungen sind mit größter Vorsicht zu genießen! Suizidale, d.h. Menschen, die an Selbstmord denken, weil sie keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen, oder Depressive, d.h. Menschen, die zumindest zeitweise in tiefe Verzweiflung sinken, sind ernsthaft gefährdet und verdienen unsere Aufmerksamkeit, indem wir ihnen zu fachgerechter therapeutischer Unterstützung verhelfen. Mit Reiki-Energie oder ein paar Tropfen können wir sie nur abspeisen. Auch mit körperlichen Beschwerden sollte man niemals leichtfertig umgehen. Bachblüten, Reiki-Anwendungen oder andere Heilangebote schaden zwar sicher nicht, doch selbst bei Kopfschmerzen sollte man, sofern sie häufiger auftreten, immer physische Ursachen von einem Arzt ausschließen lassen. Denn eine Heilwirkung der esoterischen Verfahren ist bisher in noch keinem Fall durch die wissenschaftliche Forschung nachgewiesen. D.h. wer sie anwendet, tut dies rein aus gutem Glauben heraus - ein oft (kurzfristig) auftretender Besserungseffekt ist leicht mit dem sogenannten “Placeboeffekt” zu erklären.

  1. Lebensberatung

Der Bereich der Lebensberatung besteht aus einem sehr unübersichtlichen Markt kleiner und großer Anbieter. Hier bieten sowohl Einzelpersonen, die sich dann u.a. “spiritueller Wachstumstherapeut” oder “Energietherapeut” nennen, als auch Institute mit Namen wie “Institut für mentales Training” oder “Institut für Licht und Leben” ihre Dienste an.

Viele Menschen meinen, daß der Begriff “Therapeut” alleine schon eine seriöse, qualitativ gute Lebensberatung garantiert. Doch der Begriff ist rechtlich nicht geschützt. D.h., jeder Mensch kann sich Therapeut nennen - auch ein Bäcker, Elektriker oder kaufmännischer Angestellter. Ein Hinweis auf eine hinreichende Qualifikation ist damit nicht gegeben. Eine solche Qualifikation setzt eine fundierte psychologische oder pädagogische Ausbildung voraus, die bei esoterischen Lebensberatern oftmals nicht vorhanden ist. Ein weiterer Unterschied zur psychosozialen Lebensberatung besteht in der Schweigepflicht, der alle staatlichen psychosozialen Beratungsstellen gesetzlich unterworfen sind. Diese Verpflichtung zum Schutz vertraulicher Informationen besteht nicht bei esoterischen Lebensberatern oder entsprechenden Seminarangeboten.

Die wahrscheinlich bekannteste Technik innerhalb der esoterischen Lebensberatung ist das “Positive Denken”. Joseph Murphy, einer ihrer Vertreter, stellt die Funktionsweise dieser Technik wie folgt dar: “Denken Sie das Gute, und es wird sich verwirklichen! Denken Sie aber Böses, so wird Böses eintreten. Was immer Sie denken, das sind und tun Sie in jeder Sekunde Ihres Lebens.”(5)

Schnell und einfach - so scheint es - können auf diese Weise negative Einstellungen (z.B. Unzufriedenheit oder Angst) geklärt und Probleme gelöst werden. Doch die Erfahrung zeigt, daß v.a. Ängste, Konflikte mit dem Partner oder anderen Angehörigen sich nicht dadurch auflösen, daß ein Mensch positiv denkt. Und sicher hat jeder von uns schon erleben müssen, daß Situationen für ihn keinen positiven Ausgang genommen haben, obwohl er sehr optimistisch an sie herangegangen ist (z.B. Einstellungsgespräche). Welche Gefahren sich im einzelnen aus der Technik des “Positiven Denkens” ergeben, schildert Günther Scheich ausführlich in seinem Buch “Positives Denken macht krank” (6).

Grundsätzlich gilt für den gesamten Bereich der Lebensberatung folgendes: Um tiefergehende Probleme zu lösen und entscheidende, möglicherweise krisenbehaftete Lebensfragen zu klären, braucht es Zeit. Im Grunde passen wir unsere Lebenseinstellungen ein Leben lang unseren aktuellen Erfahrungen an. Konzepte, die komplette Persönlichkeitsveränderungen in kürzester Zeit, absolute Glücksfindungen oder eine schnelle Verarbeitung psychischer Probleme versprechen, sind als zweifelhaft anzusehen.

  1. Ist- und Zukunftsdeutung

Unter dem Begriff der Zukunftsdeutung werden alle Verfahren zusammengefaßt, die die Vorhersagbarkeit der Zukunft versprechen, wie z.B. die Astrologie oder das Wahrsagen. Es wird aber nicht allein die Zukunft gedeutet, sondern manche Techniken nehmen auch eine Art Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Probleme und Fragen einer Person vor, die dann ebenfalls in Hinblick auf zukünftige Handlungen gedeutet wird. Hier ist v.a. das Tarot zu nennen. Beschäftigt man sich intensiv mit Techniken aus diesem Bereich, können beim einzelnen große Ängste entstehen, so z.B. wenn eine Zukunftsvorhersage negativ ausfällt.

  1. Energiearbeit/ Energielehre

Hierunter sind die Verfahren zu verstehen, die von der Existenz bestimmter Energien ausgehen und angeblich Möglichkeiten gefunden haben, diese Energien zu sammeln, zu kanalisieren und für den Menschen positiv zu nutzen. Dazu gehört u.a. Feng Shui, “die Jahrtausende alte chinesische Lehre vom harmonischen Fluß der Energien zwischen Himmel und Erde”, wie in einem Seminarangebot erklärt wird (7). “Feng Shui” beeinhaltet die Idee, daß der Mensch sich nur wohlfühlen, nur harmonisch leben kann, wenn er sich im Einklang mit der kosmischen Energie (chinesisch “ch’i”) befindet. Der Energiefluß kann - so die These - in geschlossenen Räumen, also v.a. in der Wohnung empfindlich gestört sein, wenn Möbel, Küchengeräte oder Fenster falsch plaziert sind oder in die falsche Himmelsrichtung zeigen und so zu gesundheitlichen Schäden oder seelischem Unbehagen führen. Die Umgestaltung des Wohnraumes durch einen “Feng-Shui-Experten” soll die körperliche und seelische Harmonie wiederherstellen (8).

Hier gilt - wie auch im Heilungs- und Lebensberatungsbereich -, daß psychische und körperliche Probleme, die über einen längeren Zeitraum bestehen und als belastend empfunden werden, immer (auch) mit einem Arzt oder Berater besprochen werden sollten.

  1. Channelling/ Arbeit mit Medien

“Channelling” bedeutet, daß ein - auserwählter - Mensch von unsichtbaren Wesen, Geistern, Verstorbenen oder auch Außerirdischen angeblich bestimmte Botschaften erhält, die er an andere Menschen weitergibt. Oft behaupten diese sogenannten “Medien”, mit Schutzgeistern, oder Engeln Kontakt zu haben, die sie im Leben begleiten und behüten; manchmal sind es aber auch biblische Gestalten, wie z.B. Jesus Christus, Gott oder die Mutter Maria, die - so wird behauptet - das Treiben hier auf der Erde beobachten und durch Botschaften zu lenken versuchen. Hier besteht die Gefahr, daß man die Verantwortung für sein Leben und Handeln an das Medium oder den entsprechenden Geist/Engel abgibt und irgendwann nicht mehr in der Lage ist, eigenständige Entscheidungen zu treffen.

  1. UFO-Glaube

Der UFO-Glaube innerhalb der Esoterik geht nicht nur davon aus, daß außerirdisches Leben existiert, sondern daß die Außerirdischen mitten unter uns weilen - hier auf der Erde, aber auch im Weltraum. Angeblich haben sie Informationen darüber, daß die Welt bald untergehen wird, und sie wollen den Menschen helfen, dies abzuwenden oder, sollte das nicht möglich sein, sich durch eine Evakuierung in den Weltraum zu retten (9). Diese Hilfe erfolgt durch Anweisungen der Außerirdischen. Mit Hilfe des oben beschriebenen Channelling werden die angeblichen Botschaften aus dem Weltall an die Menschen weitergegeben. Die Vorstellung der UFO-Gläubigen von einem nahen Weltuntergang schürt nicht nur Ängste, sondern hat erwiesenermaßen in der Vergangenheit schon zu Selbstmord, Gruppenselbstmord und Mord geführt (Heaven‘s Gate, USA 1996).

 

Was versprechen Esoterik-Anbieter?

Die einzelnen Bereiche in der Esoterik verschmelzen häufig oder gehen zumindest ineinander über, da die meisten Anbieter verschiedene Methoden vermischen bzw. miteinander kombinieren. Auf Esoterikmessen, auf Flugblättern und in den einschlägigen esoterischen Zeitschriften findet man zahlreiche Seminarangebote und Werbeanzeigen von esoterisch ausgerichteten Zentren oder Instituten sowie von Heilern und Lebensberatern, Wahrsagern und angeblich medial Begabten, die oft eine zentrale Aussage, ein zentrales Versprechen beinhalten.

U.a. wird hier angeboten:

Welch eine Verlockung für jeden von uns!
Fühlen Sie sich vielleicht auch angesprochen? Haben Sie sich auch schon oft gewünscht, völlig angstfrei und rundherum glücklich zu leben? Sehnen Sie sich danach, uneingeschränkt und bedingungslos geliebt zu werden und zu lieben? Haben Sie sich auch schon gefragt, ob Sie nicht mehr aus sich machen, mehr aus sich “herausholen” könnten? Suchen Sie nach einem Weg, Ihre Krankheit zu heilen, die der Arzt vielleicht als unheilbar diagnostiziert hat? Fragen Sie sich öfter, was Ihnen die Zukunft bringen wird?

Die Auflistung der Angebote macht deutlich, wie hier gezielt die Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte vieler Menschen angesprochen werden. Dabei scheinen die jeweiligen Heiler, Lebensberater und “Medien” ihre Fähigkeiten weder einzugrenzen noch zu spezifizieren; es wird - ganz im Gegenteil - die Universalität und Unbegrenztheit der Möglichkeiten betont. Vor dem Auge des interessierten Lesers entsteht ein Bild, in dem der Esoteriker als “Allround-Talent” dasteht, das den Schlüssel zur Verwirklichung aller Träume in der Hand hält.

Einschränkend muß man allerdings sagen, daß einige sich selber nur als ausführenden Part im Auftrag einer übergeordneten Macht darstellen (19). Und diese Möglichkeit zur “Selbstverwirklichung” - so wird suggeriert - kann ein jeder mühelos und schnell umsetzen, wenn er nur diese oder jene Methode erlernt, sich diesem oder jenem “Meister” anvertraut.

Die Erwartungen des einzelnen sind hoch, denn die Versprechungen, was der Mensch unter der Führung bzw. Anleitung des - im wahrsten Sinne des Wortes - “zu allem Fähigen” erreichen kann, werden häufig in Superlativen ausgedrückt. Es scheint, als gäbe es keinerlei Grenzen oder Einschränkungen der individuellen Wunscherfüllung und Bedürfnisbefriedigung. Jeder kann sich angesprochen fühlen, und jeder kann alles für sich erreichen.

 

Von den Sehnsüchten der Menschen, die sich intensiv mit Esoterik beschäftigen

Die oben beschriebenen Versprechungen stellen sicher eine Verlockung für alle Menschen dar. Doch wie die Erfahrung in unserer Einrichtung zeigt, fühlen sich einige mehr als andere angesprochen. Warum?

In einer Welt, in der vielfach nur auf Äußerlichkeiten geachtet wird, in der Dynamik, Tatkraft, Durchsetzungsvermögen, Pragmatismus und “cool” sein die Eigenschaften sind, auf die am meisten Wert gelegt wird, bleiben sensible, träumerische, Konflikten eher aus dem Weg gehende Menschen meist auf der Strecke. D.h., sie fühlen sich oft unverstanden, in ihren Gefühlen alleingelassen und nicht ernstgenommen. Manche haben, am gesellschaftlichen Maßstab gemessen, wenig “vorzuweisen”, weil sie aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mit den Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft mithalten können. Daher leiden sie eher unter dem Gefühl, “irgendwie” versagt zu haben, nicht so richtig dazuzugehören, minderwertig zu sein, nichts wirklich zu leisten. Aber auch Menschen, die eine hohe gesellschaftliche Stellung innehaben oder von ihrer Umwelt sehr geachtet werden, können so empfinden. Sie sind anerkannte Geschäftsleute, allseits beliebte Hausfrauen, bewunderte Manager. Und doch scheint ihnen - trotz aller Anerkennung von anderen - etwas zu fehlen, was Außenstehende möglicherweise nicht fassen und nachvollziehen können. Sie spüren eine tiefe Sehnsucht, etwas zu bedeuten oder etwas in ihren Augen wirklich Bedeutsames zu leisten.

Auf der Suche nach dieser “Bedeutung” begegnen sie sogenannten spirituellen Helfern, die nicht nur Rezepte für die Lösung aller Probleme anbieten, sondern dem einzelnen diese gesuchte Bedeutung suggerieren:

Das alles kann jedoch in der Regel nur unter der Bedingung erreicht werden, daß die jeweilige Lehre und v.a. der Anbieter selbst nicht in Frage gestellt werden. Hier werden unter dem Motto der Befreiung von Zwängen und Einengungen neue Zwänge auferlegt. Die Esoterikszene verspricht zwar Lösungen und Antworten, sie kann dieses Versprechen aber erfahrungsgemäß nicht wirklich einhalten, da konstruktive, dauerhafte Veränderungen von Lebenssituationen und befriedigende Antworten auf existentielle Fragen nur aus der jeweiligen Person selbst heraus reifen und sich in einem längeren Prozeß entwickeln können. Sie entstehen nicht durch das Verabsolutieren einer Methode, das Nachahmen von “Meistern” oder durch das Aufdiktieren von Lebensweisen und Glaubenswelten.

Die Gründe für eine intensive Hinwendung zu esoterischen Ideen und Praktiken können - wie schon zuvor beschrieben - in der Persönlichkeit des Menschen liegen, sie können aber auch lebensgeschichtliche Ursachen haben, wie z.B. traumatische Kindheitserlebnisse, der nicht verarbeitete Verlust eines geliebten Menschen und ähnliches. In den Beratungsgesprächen hier im Sekten-Info wird dann versucht zu klären, ob die von der Esoterikbewegung angebotenen Strategien wirklich helfen, die Probleme zu lösen, oder ob es Alternativen gibt.

Grundsätzlich gilt: Eine Lebensberatung ist aus fachlicher Sicht “gelungen”, wenn der Hilfesuchende mit Hilfe des Beraters Verhaltensweisen, Erlebnisse und Lebenskonzepte, die er als belastend oder störend erlebt, klären, verarbeiten und verändern kann. Dabei sollte er nach einer gewissen Zeit in der Lage sein, die in der Beratung erlernten bzw. erarbeiteten Strategien zur Problembewältigung selber, ohne weitere Unterstützung des Beraters anzuwenden und sogar für sich selbst zu erweitern. Das bedeutet, daß keine längerfristigen Abhängigkeiten vom Berater entstehen dürfen.

 

Probleme in der Beratungsarbeit beim Thema Esoterik

Ein zentrales Problem in der Beratung zum Thema Esoterik stellt die Vermeidung von Konflikten bzw. die Vermeidung oder Verleugnung negativer Gefühle dar.

“Mit negativen Emotionen vergiften wir uns das Leben”, so schreibt Rüdiger Dahlke (20). Mit ihm sieht sich die Esoterikszene insgesamt als harmonisierend: Für Esoteriker ist es wichtig, positiv zu denken, positive Energien zu spüren, grenzenlos zu lieben usw. Als “negativ” bewertete Gefühle - Dahlke nennt u.a. Neid und Haß (21) - sind daher eher verpönt. Sollten sie trotzdem auftreten, müssen sie “weggemacht” werden, was bei vielen esoterischen Methoden bedeutet, daß sie durch positive Emotionen oder Energien ausgetauscht werden sollen. Hat man trotzdem solche Empfindungen, hat man sich eben nicht genug bemüht oder das Konzept noch nicht verstanden und ist damit an der Wirkungslosigkeit der Methode selbst schuld. Doch: Solche “negativen” Gefühle hat jeder Mensch von Zeit zu Zeit, sie sind ein ebenso wichtiger Bestandteil der menschlichen Seele wie die positiven Gefühle und haben dasselbe Recht, ausgedrückt zu werden.

Die abwertende Haltung gegenüber negativen Emotionen hat zur Folge, daß in der Beziehung zu sich und zu anderen - wir erleben es oft in der Beratung von Paaren - Konflikte nicht angesprochen und Gefühle wie Trauer, Angst oder Wut verdrängt bzw. durch positive Gedanken “weggeglaubt” werden.

Auf individueller Ebene kann dies auf lange Sicht zu depressiven Verstimmungen bis hin zur Depression führen (22). Denn wer seine Wut, Trauer, Eifersucht etc. nicht als einen Teil von sich akzeptiert und ihnen entsprechend Raum gibt, der wird sie solange hinunterschlucken, bis sie eines Tages massiv aus ihm herausbrechen. Oft entstehen in solchen Fällen Schuldgefühle (weil die Emotionen vielleicht unangemessen stark zum Ausdruck kommen) sowie die Überzeugung, nicht genug an sich gearbeitet und bei der Ausübung der esoterischen Techniken versagt zu haben. Im schlimmsten Falle kann das dazu führen, daß derjenige sich immer verbissener in esoterische Methoden vertieft und sie noch häufiger und intensiver anwendet. Dazu muß er dann seine negativen Gefühle noch weiter verdrängen, was bisweilen zu schweren Depressionen führt ... . Hier entsteht ein Teufelskreis, der nur sehr schwer aus eigener Kraft durchbrochen werden kann.

In zwischenmenschlichen Beziehungen besteht das Problem oft darin, daß der Kontakt zum Gegenüber, zum Partner, bei Esoterikern leidet, sobald es nicht mehr um esoterische Inhalte geht. D.h., ein solcher Mensch sucht eher bei Schutzgeistern, Engeln, Wahrsagern, bestimmten esoterischen Methoden oder Hilfsmitteln wie z.B. Edelsteinen Rat, Trost und Hilfe, als bei anderen Menschen. Die Freunde oder der Partner sind dann in der Regel verletzt, fühlen sich ausgegrenzt und “geringer geachtet als ein Stein”, wie es ein Klient, Partner einer Esoterikerin, einmal ausdrückte. Es kommt zu Konflikten, die sich aber meist nur um das Thema Esoterik drehen. Die Gefühle und Probleme, die dazu geführt haben, daß die Anschauungen und Lehren der Esoterik überhaupt einen so großen Raum einnehmen und sich zwischen die Partner stellen konnten, werden oft nicht gesehen und können - wenn sie denn gesehen werden - nicht ausgedrückt werden. Hier ist dann nicht selten zu beobachten, daß der Esoteriker sich - gemäß oben beschriebenem Teufelskreis - verstärkt seiner Ideologie zuwendet und sich aus der Beziehung zurückzieht und der Partner, zunehmend frustriert und z.T. resigniert, sich entweder ebenfalls zurückzieht oder die Problematik durch immer heftigere Angriffe auf die Esoterikbewegung verschärft.

Solche - letztendlich destruktiven - Verhaltensmuster können in Beratungsgesprächen aufgezeigt und verändert werden, wenn beide Partner bereit sind, ihrer Beziehung/Freundschaft noch eine Chance zu geben und das Risiko auf sich zu nehmen, ihre Gefühle in deren Gesamtheit anzuerkennen und anzunehmen.

Zusammenfassend kann man sagen, daß das Versprechen der Esoterikszene von unbegrenzter Harmonie und Lebensfreude, seelischer und körperlicher Gesundheit zumindest in vielen uns bekannten, nach o.g. Mustern verlaufenden Fällen nicht eintritt. Kurzfristig gesehen bessert sich mit dem Gebrauch esoterischer Methoden oftmals sowohl der physische als auch der psychische Zustand (Placeboeffekt). Auf lange Sicht ist festzustellen, daß die ursprünglichen Probleme - seien sie nun körperlicher oder seelischer Natur - in der Regel verstärkt werden.

Esoterische Praktiken sind nicht grundsätzlich als gefährlich einzustufen. Doch die Vielzahl der Methoden sowie die oft nicht gegebene qualifizierte Ausbildung der Anbieter kann zu Verunsicherungen und Gefährdungen beim Verbraucher führen. Der Sekten-Info Essen e.V. bietet Menschen, die sich für esoterische Angebote interessieren oder Probleme mit Esoterikgruppen haben, beratende Gespräche an. Hier kann der Einzelne in aller Ruhe abklären, ob ein Angebot als seriös einzustufen ist oder ob ihm ein Seminar das bieten kann, was er wirklich sucht. Auch können viele Hinweise zu den verschiedensten psychologischen und esoterischen Methoden und deren Wirkungsweisen gegeben werden.

 

Literatur:

(1)    Horn, Klaus P.: Die Erleuchtungsfalle. Niedertaufkirchen 1997
(2)    Müller, B./Horst, Günther H.: Reiki. Heile Dich Selbst. München 1991. 17. Aufl. S. 19
(3)    a.a.O.: S. 216ff
(4)    Kursangebot des Bachblüten Therapiezentrums Essen
(5)    Murphy, Joseph: Die Macht Ihres Unterbewußtseins. Genf 1967. S.45
(6)    vgl. Scheich, Günther: Positives Denken macht krank. Frankfurt 1997
(7)    Programmheft der Thalamus-Schule April-Dezember 1997. S. 49
(8)    vgl. auch: Feng Shui. Räume und ihre Wirkung. In: Wege & Visionen 3/97. S. 36-38
(9)    vgl. Leona, G.S. u.a.: Evakuierung in den Weltraum. Gütersloh 1996. 4.Aufl.
(10)  Werbeanzeige des Metharia e.V. In: Die Andere Realität 3/96. S. 24
(11)  Dahlke, R.: Wege der Reinigung. In: Esotera 12/98. S. 51-54
(12)  Danesch, I.: Kurs- und Seminarangebot des Instituts für Mentales Training. 1998
(13)  Rotter, Ernst A.: Thema des Aktiv-Vortrags vom 01.02.1998
(14)  Werbeblatt zur Tachyon-Energie von den Esoterik-Tagen 1998
(15)  Anton, E.: Seminarangebote für das Jahr 1997.
(16)  Lancer, Bob: Du bist alles, was ich brauche - Den wahren Seelenpartner finden. CD. Bauer Musik Verlag.
(17)  Seminarangebot des Lichtzentrums vom Juli 1998
(18)  vgl. Coldwell, L.: Die unbegrenzte Kraft des Unterbewußtseins. o.O: Verlag Hugendubel. 1994.
(19)  Werbeanzeige des Metharia e.V. In: Die Andere Realität 3/96. S. 24
(20)  Dahlke, R.: a.a.O. S.53
(21)  a.a.O. S. 54
(22)  vgl. Scheich, Günther: a.a.O.
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